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Im Dickicht der Sprache

Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“

„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“, Psychologen entdecken in dem Nietzsche-Satz vermutlich eine Selbstverstärkungsschleife. Dorothee Elmiger vollführt mit ihrem neuen Roman „Die Holländerinnen“ ein ganz ähnliches Manöver: Sie blickt lange und tief in eine Geschichte, die einen mit einem Gefühl der Beunruhigung zurücklässt. Das beginnt schon beim Romantitel, der an eine wahre Begebenheit andockt: 2014 verschwinden zwei junge Niederländerinnen spurlos im Dschungel Panamas. Was eine kleine Wandertour werden sollte, endet in einem Mysterium. Monate später werden Knochen und Habseligkeiten der Studentinnen entdeckt. War es ein fataler Unfall, Mord, Entführung, Menschenhandel? Das Netz quillt bis heute über mit Spekulationen, was den beiden Frauen zugestoßen sein könnte.

 

Der Titel, das wird im Laufe des Lesens klar, ist eigentlich eine Hülse für ganz andere Geschichten. Wer die bisherigen Bücher von Dorothee Elmiger kennt, hätte sich auch über eine bloße True-Crime-Verwertung gewundert. Und richtig, es liegt ihr fern, allein diesen Fall zu umkreisen, wie sie auf einer Lesung in Berlin verrät. „Das Abseitige miterzählen, ein Netz, ein Gewebe”, darum gehe es ihr. Aber wie verpackt die Schweizer Autorin nun ihren Stoff? Indem sie gleich mehrere narrative Folien darüberspannt. Da begegnen wir der Erzählerin – ebenfalls Autorin – wie sie in einer Poetikvorlesung über ihre schriftstellerische Praxis berichten soll. „In Auflösung“ befinde sich ihr Schreiben, so gesteht sie am Rednerpult im Hörsaal.

 

Hier spinnt sich der Faden zurück zu den Geschehnissen in Panama. Ein berühmter Theatermacher – auch er bleibt namenlos – hatte sie angesprochen: Bei einem Reenactment am mittelamerikanischen Originalschauplatz solle sie dabei sein, als Protokollantin für ein Theaterstück, das er plane.

 

„Man müsse dies alles, sagt sie, im Kontext der Holländerinnen betrachten, man müsse alles, was nun folge, den Terror der Nächte, die schonungslosen Tage, vor dem Hintergrund dieser Geschichte verstehen, die der Theatermacher für sein Stück noch einmal hervorgeholt und ans Licht geschleift habe, weil er darin, so seine Erklärung, etwas in Bilder gefasst oder in diesen Bildern enthüllt finde, das er aber nicht sagen könne, das sich grundsätzlich nicht sagen lasse, das letzte Reale vielleicht, mit Lacan gesprochen, das Angst-Objekt par excellence.

Zitat: S. 28

Berliner Lesung am 8. Oktober 2025: Dorothee Elmiger im Gespräch mit Felix Palent

 

Der Dschungel als Erkenntnis- und Kunstort für (westliche) Sinnsucher ist nicht neu: Werner Herzog ließ seinen „Fitzcarraldo“ ein Schiff über einen Bergkamm im Amazonas ziehen, auch in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ wirkt der Dschungel wie ein Katalysator, der die Akteure vorwärtspeitscht. Elmigers Protagonisten treiben durch denselben Referenzkosmos. Es ist ein kleiner Trupp, der in unwegsames Gelände aufbricht und sich im Laufe seiner Recherchen vollends verliert. Sprachlich spiegelt das Elmiger, indem sie ihren Text selbst wie ein Dickicht anlegt. Eins, das rätselhaft schillert. Eins, das konsequent die indirekte Rede nutzt. Eins, das beim Umblättern der Seiten immer wieder die Frage aufwirft: Wohin steuert es? „Sie blättert“ ist übrigens auch ein Strukturelement im Buch. Dann wissen wir: Gerade sind wir bei der Autorin im Hörsaal. Und bei ihrem Manuskript, das Zeugnis darüber ablegt, wie ihr das eigene Schreiben entglitten ist.

 

Man würde denken, sie hätten sich im Laufe der Zeit allmählich an ihre Umgebung, an die schwarzen Nächte, die laut wuchernde, die modernde Flora, an den Wahnsinn der Fauna gewöhnt, sagt sie, aber dies sei nicht der Fall gewesen: Im Gegenteil hätten die Tropen sie aufgerieben, sie alle seien zunehmend dünnhäutiger, nervöser geworden, hätten sich hoffnungslos umzingelt und zugleich verlassen gefühlt, und der Regen, der auch in dieser Nacht fast pausenlos gefallen sei, habe alles Lebendige scheinbar potenziert, die Zyklen beschleunigt – der Raum, so das Gefühl, sei nun bis zum Bersten gefüllt gewesen.

 Zitat: S. 113/114

Der Dschungel ist überall: Lesung mit Dorothee Elmiger im Hörsaal der DRK-Kliniken Westend

 

Angesprochen auf die dunklen Seiten des Stoffes sagt Dorothee Elmiger, dass ihr das Düstere eigentlich gar nicht so liege, sie als Mensch selbst so nicht durch die Welt gehe. Was ihr auf jeden Fall liegt, ist die erzählerische Lust, der Romanform einen ungewohnten Schleudergang zu verpassen. „Die Holländerinnen“ ist auch deshalb so spannend in unseren Tagen, weil es vom Wegbrechen der Sprache, vom Nicht-Berichten-Können über die Fährnisse der Welt handelt. Das Buch der Saison? Für alle wichtigen deutschsprachigen Literaturpreise nominiert ist es schon mal.

 

Text: Annett Jaensch

 

Buchinformationen:
Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“

Hanser, 2025
ISBN: 978-3-446-28298-8

 

 

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