Das Staatballett Berlin zeigt „Wunderkammer“ von Marcos Morau
Ein einsamer Akkordeonspieler pumpt gebrochene Töne in den Raum, die Bühne um ihn herum ist noch schwarz. Es klingt wie ein Ruf, wie ein Signal. Und da löst sich auch schon ein Pulk aus dem Dunkel des Bühnenrands. Zur Mitte strebend, lauter werdend, füßestampfend scheint die uniforme Masse zu fordern: Seht her, wir sind da! „Prelude of a Broken Accordion“ ist das Portal in die Welt von „Wunderkammer“, einer Welt, die es darauf anlegt, bestaunt zu werden.
Schon der Titel verheißt einen Blick auf Rares und Exotisches. Der spanische Choreograf Marcos Morau, der derzeit Artist in Residence beim Staatsballett ist, hat sich für seine zweite Berliner Arbeit von historischen Kuriositäten-Kabinetten inspirieren lassen. Als Vorläufer von Museen stellten sie an Königs- oder Fürstenhöfen allerlei Artefakte aus: seltene Tiere, anatomisch Abnormes oder Kunstobjekte, die ihresgleichen suchten. Es war die Abweichung vom Bekannten, die für Faszination sorgte.
Morau kommt in seiner „lebendigen Wunderkammer“ ganz ohne diese Dingwelt aus. Er wolle nicht Objekte sammeln, sondern Atmosphären, Bewegungen und Emotionen, sagt er über seine Kreation. Und dafür lässt er das Ensemble tief eintauchen in eine Zwischenzone, die einem Kabarett der Weimarer Republik genauso entlehnt sein könnte wie einem Technoclub von heute. Der Trupp der Tänzer und Tänzerinnen wirkt dabei wie ein einziger androgyner Körper: alle in hautengen Bodysuits, mit schwarz gegeltem Pagenkopf, mit Lederriemen und teils aufgepolsterten Gesäßpartien – optische Insignien dafür, dass hier auch das Thema Queerness mitgedacht wird.
Szene aus „Wunderkammer“: reich an visuellen Kabinettstückchen, Foto: Yan Revazov
Das Herausstechende an Moraus Stil ist der interdisziplinäre Zugriff. Von der Fotografie und vom Schauspiel kommend, hat er mit seiner eigenen Compagnie La Veronal ein ganz spezielles Markenzeichen geschaffen: surreale, fast filmisch anmutende Bühnenwelten, die oftmals die Pole Traum und Alptraum abtasten. Wie „Siena“, der hitchcockartige Trip in ein nächtliches Museum oder das von Luis Buñuel beeinflusste Trommelstück „Sonoma“, beide waren bei Tanz im August echte Publikumsrenner. Auch „Wunderkammer“ setzt auf diese dichte, verrätselte Atmosphäre. Die – man kann es nicht anders sagen – grandios gelungen ist, auch dank der dunkel treibenden Beats von Clara Aguilar und Ben Meerwein, dem varietéartigen Bühnenbild von Max Claenzel und dem fast schon skulpturalen Licht-Design von cube.bz.
Szene aus „Wunderkammer“: Die 1920er Jahre lassen grüßen, Foto: Yan Revazov
Insgesamt acht Szenen reihen sich aneinander, die Titel tragen wie „The Sanctuary“, „The Farce“ or „Before Nothing“. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich durch die Szenenfolge wie durch eine Zeremonie mit ungewissem Ausgang. Auch das gehört zur Handschrift von Marcos Morau, einen interpretationsoffenen Raum zu schaffen, der zum Nachdenken anregen will. Was sind unsere heutigen Wunderkammern? Wie gehen wir mit dem Anderssein um und wer definiert das Eigene und das Fremde?
Dem Premierenpublikum gefiel´s: Standing Ovations!
Text: Annett Jaensch
