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Nägel im Nebel

Die Tagebuchnotizen von Clemens J. Setz: „Das Buch zum Film“

Ein Gefühl wie ein leichter Stromschlag. Keine Seltenheit bei der Lektüre von Clemens J. Setz! Der österreichische Autor ist außerordentlich gut darin, sprachliche Bilder aus seinen Texten herausschnellen zu lassen, die einen förmlich anspringen und nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wer sonst verblüfft mit Formulierungen wie „Anschreien gegen den fressfeindförmigen, hitlerfarbenen Himmel“? Zum Setz´schen Sprachkosmos später mehr. Inhaltlich ist „Das Buch zum Film“ ein Format, das persönlicher nicht sein könnte: Es basiert auf Tagebucheinträgen zwischen den Jahren 2000 und 2010. In dem schmalen Band von rund 170 Seiten steckt die Genese vom 18-jährigen Abiturienten hin zum Jungschriftsteller mit ersten Preisen.

 

Aber liegt im Autobiografischen nicht immer auch die Gefahr eines Zuviels? Vor dem Blankziehen in Bezug auf die eigene Vita scheint sich Setz jedenfalls nicht zu fürchten. „Das Sprunghafte und das Diskontinuierliche von einem Tagebuch war genau die Geschichte, die mir erzählenswert erschien“, verrät er in einem Interview kurz vor Erscheinen seines neuen Buches. Genug literarischen Treibstoff, um das „Uneinssein“ mit sich, „die Messieness des Alltags“ abzubilden, haben seine Notizbücher offensichtlich geliefert. Kuratiert hat er den privaten Fundus chronologisch nach Jahren, manche Monate sind in einem Satz eingedampft, andere kommen auf Kapitellänge.

 

Die Zeit nach der Schule, Studium, erste Beziehungen – alles, was typisch für Menschen in ihren Zwanzigern ist – findet auch bei Setz statt. Wenn er davon erzählt, scheint immer die Tür zu einer anderen Wirklichkeitsebene einen Spaltbreit offen zu stehen. Eine Ebene, die Sätze parat hat wie „Das entfernte Aufflattern der Elstern hatte ihr Haar grau gefärbt.“ oder „Eine Packung Ferrero zertreten auf dem Asphalt… zack, zack, die Kindheit ist vorbei.“ Die Einträge fallen in die Zeit, als er als Zivildienstleistender im Odilien-Institut in Graz arbeitet und dort die „S-Klasse“ betreut, Menschen mit schwersten Behinderungen. Für ihn eine an die Nieren gehende Zeit, das atmen die Beschreibungen mit jeder Zeile.

 

„Noch ist nichts wirklich von mir“, wirft er an einer Stelle als Bekenntnis ein. Aber irgendwie ist doch schon alles da, was den späteren Büchner-Preisträger und Autor von „Der Trost runder Dinge“ und „Monde vor der Landung“ ausmacht. Das Lakonisch-Sein („Man sieht sich, sagte M., seither nie wieder gesehen“), die Poetizität, die sich aus genauer Weltbeobachtung speist („Der Schatten eines mir auf der Freitreppe entgegenkommenden Mannes: wie eine ihm voraus über die Stufen rinnende dunkle Flüssigkeit.“) und last but not least: ein nicht zu verkennender Hang zur Nerdigkeit („Ich übe in Pausen Khöömei- und Kargyraa-Gesang“).

 

Was so fasziniert an „Das Buch zum Film“, ist das unprätentiöse Ausrollen des eigenen Seins. In einem Ton vorgetragen, der keinen Unterschied zu machen scheint zwischen Höhen und Tiefen. Ob nun das zerrüttete Verhältnis zum cholerischen Vater zur Sprache kommt oder die Beziehung zu seiner Freundin, die unter schweren Angstzuständen leidet, alles fließt ein in das biografische Fresko, in dem er gleichzeitig anwesend ist und hinter das er als erzählende Instanz zurücktritt. „Nägel in den Nebel schlagen“, allein in diesem Halbsatz verdichtet sich, wofür Psychologen ganze Abhandlungen bräuchten.

 

Setz ist jemand, der sich nicht nur quer durch den Kanon gelesen hat, sondern seine Antennen auch auf weniger bekannte Gefilde gerichtet hat. Wer waren seine „Heros“ in der Zeit, als er Germanistik und Mathematik in Graz studierte? Er nennt die Figuren in „Awakenings“ von Oliver Sacks seine Geschwister, er liest Ernst Jünger, begeistert sich für Denton Welch, philosophiert über Georges Bataille und vergräbt sich in die Lektüre religiöser Texte von englischen Mystikern aus dem 17. Jahrhundert, wie Thomas Traherne oder Jeremy Taylor. Allerlei Trivia über die Weltliteratur blitzen ebenfalls auf. So wie Henrik Ibsen und das Glas mit dem schwarzen Skorpion auf dem Schreibtisch. Immer wenn er mit dem Schreiben fertig war, soll der Dramatiker das Tier mit Melonenstückchen gefüttert haben. Ein Beispiel für eine Kreativ-Marotte, aber auch eine ganz zentrale Frage im Buch: Woher holt man sich als Autor Inspiration? 

 

Ideen zu Texten hat er viele, wie etwa eine „Geschichte über Menschen, die am ganzen Körper Fell haben“ oder ein erster Gedichtband von seinem Alter Ego René Templ mit dem vielsagenden Titel „Hunderttausend tote Sprachkritiker“. Aber auch das gehört bei ihm zur Autorwerdung dazu: wiederkehrende Selbstzweifel und Skepsis gegenüber dem literarischen Output. „ Es gibt Dinge, die auf der ganzen Welt nur ich allein denken kann. Aber ich schreibe dann immer bloß die anderen auf.“

 

Dass er ganz klar das Zeug zum Schreiben hat, zeigen die Aufzeichnungen ab 2006. Sein erstes veröffentlichtes Buch („Söhne und Planeten“), Einladung zum Bachmannpreis und Lesereisen verschieben den Fokus allmählich von der privaten zur öffentlichen Figur Clemens J. Setz. Ein wenig bedauert man es im letzten Drittel des Buchs: Die Spaziergänge über seinen Lieblingsparkplatz in Andritz („In dieser magischen Randzone müsste ein ganzer Roman spielen.“) werden immer seltener und die Literaturbetriebsgeschäftigkeit fängt an ihn zu absorbieren. Vielleicht ein logischer Transfer: Der ungewöhnliche Realitätszugriff und die herrlich skurrilen Beobachtungen suchen sich ab jetzt ihren Platz in seinen Romanen.

 

Der letzte Eintrag markiert den Jahreswechsel von 2010 auf 2011: „Wundervolles Licht am frühen Morgen des Silvestertages, die Schornsteine auf den Dächern der Umgebung scheinen von innen her zu leuchten. Ich würde gern den Gehweg vor einem japanischen Tempeltor sauberfegen, ringsum Schnee, und ich mit meinem kleinen Besen.“ Man wäre gern dabei!

 

 

 

Text: Annett Jaensch

 

 

 

Buchinformationen

Clemens J. Setz: „Das Buch zum Film“
Jung und Jung
Erscheinungstermin: 8. Oktober 2025
ISBN: 978-3-99027-428-6

 

 

 

 

 

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