„Kōjō“, der Debütroman von Hiroko Oyamada jetzt in deutscher Übersetzung
„Die Fabrik war grau, und als ich die Tür im Untergeschoss öffnete, roch es nach Vögeln.“ In der Liga der Romananfänge ist das ein bemerkenswertes Beispiel für das Triggern des Unbewussten. Sich hineinbegeben in ein unbekanntes dunkles Inneres, begleitet von olfaktorischen Reizen: eine satte Dosis Sigmund Freud steckt in diesem Auftakt. Wir begleiten die junge Yoshiko, die sich um eine Stelle bei der größten Firma der Stadt bewirbt. So groß, dass sie von allen immer nur „Die Fabrik“ genannt wird. Sie wird den Job bekommen, genauso wie die zwei anderen Zeitarbeitskräfte Furufue und Ushiyama. Doch bald tauchen beim neuen Personal Fragen auf. Denn ihr Tätigkeitsprofil ist etwas sonderbar.
Yoshiko ist mit nichts anderem beauftragt als mit dem Schreddern von Papieren. Sieben Stunden lang schiebt sie Dokumente durch einen Schlitz. Der studierte Biologe Furufue soll die Dächer der Fabrikanlagen mit Moos begrünen, aber er allein ist für diese Aufgabe abgestellt und das Gelände ist gigantisch. Ushiyama wiederum arbeitet in der Korrekturabteilung, wo er Schriftstücke korrigieren soll, deren Bedeutung sich ihm nicht erschließt. Auch wenn erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihrer Aufgaben aufkommen, alle drei sind erleichtert, einen Job ergattert zu haben, ist doch „Die Fabrik“ eine echte Instanz, wie Yoshiko sich an einer Stelle erinnert:
„Auch später, als ich erwachsen wurde, war die Fabrik noch riesig und von größter Bedeutung für alle, die hier lebten, niemand konnte sie ignorieren. In jeder Familie gab es zumindest eine Person, die in der Fabrik oder einer ihrer Tochterfirmen arbeitete oder bei einem ihrer Geschäftspartner beschäftigt war. Überall in der Stadt fuhren Wagen mit dem Logo der Firma oder einem der Tochterunternehmen herum, und ehrgeizige Eltern erzählten ihren Kindern, wie großartig es sei, in der Fabrik zu arbeiten."
„Kōjō“, japanisch für Fabrik, heißt der Roman im Original. Erstveröffentlicht im Jahr 2013 ist er jetzt auch in der deutschen Fassung – an der Stelle ein Kompliment an die Übersetzerin Nora Bierich – erschienen. Oyamada war, als sie ihr Debüt schrieb, 30 Jahre alt. Nach ihrem Literaturstudium hatte sie für einige Zeit über eine Leiharbeitsfirma bei einem Autohersteller gejobbt. Gut möglich, dass ihr Erfahrungskosmos aus dieser Zeit in den Text hineindiffundiert ist. Nach Autofiktionalem muss man bei Oyamada jedoch nicht suchen. Wenn ihr Name fällt, dann schwirren zuverlässig die immer gleichen Schlagworte durch die Feuilletons: magischer Realismus, japanischer Neo-Surrealismus oder eben das griffige Label „Geisterroman“. Für „Ana“ („Das Loch“) erhielt sie 2013 den Akutagawa-Preis, die wichtigste Literaturauszeichnung Japans.
Schwarz und geheimnisvoll: Kormorane sind der metaphysische Sidekick im Buch (Foto: www.freepic.com)
Aber was macht einen Oyamada-Plot so besonders? Kurz gesagt: Ihre ganz eigene Art „the uncanny“ in einem Text durchscheinen zu lassen. Hier winkt uns Sigmund Freud noch einmal zu. Angst und Irritation entstehen – so schrieb er in seinem Essay „Das Unheimliche“ – wenn etwas gleichzeitig vertraut und fremd wirkt. Und mit genau diesen beiden Polen spielt die Autorin, wobei sie die Atmosphäre unmerklich immer weiter ins Absurde verschiebt. In ihrem Debüt ist schon erkennbar, was später ihr Markenzeichen werden wird: ein Hyperrealismus, der nahezu filmisch wirkt, wenn Details extrem herangezoomt werden. Bei wem würden folgende Sätze über Münder kein leises Unbehagen erzeugen?: „Ihr Lippenstift war verschmiert.“… „Um seinen Mund spannen sich Nattō-Fäden“… „Wenn sie lachte oder sprach, bildeten sich auf den Lippen tiefe Falten.“
Die äußere Handlung ist relativ unspektakulär: Unsere Protagonisten gehen ihren Tätigkeiten nach, ohne überhaupt zu wissen, was „die Fabrik“ eigentlich produziert. Das mit Abstand Aufregendste während eines Arbeitstages scheint zu sein, das Kantinenessen in epischer Breite zu diskutieren. So richtig kafkaesk wird es, wenn es um die Regeln des Unternehmens geht, die – es verwundert wenig – undurchschaubar sind. Plötzlich werden eines Tages ohne jede Erklärung Trennwände in den Büros eingezogen. Unklar auch das System der farbigen Ausweisbänder, das Vorgesetzte, Festangestellte und Zeitarbeiter voneinander trennt. Wer bekommt wann welche Farbe? Das Prinzip der Entfremdung von der bzw. durch die Arbeit, wie es schon Marx beschrieben hat, präsentiert uns der Roman in der japanischen Ausführung. Widersprüche inklusive: An einer Stelle sagt ein Vorgesetzter: „Das Leistungsprinzip passt nicht zu uns Japanern.“ Das mutet geradezu paradox an für ein Land, in dem es ein eigenes Wort für Tod durch Überarbeitung gibt: „Karoshi“.
Im Laufe der rund 160 Seiten dehnt sich nicht nur der Radius der Geschichte immer weiter aus, sondern auch die innere Unruhe der Romanfiguren wächst. Yoshiko erkundet an einem freien Nachmittag das Areal und traut ihren Augen kaum: Die Fabrik ist nicht einfach nur groß, nein, sie scheint sich ins Unendliche auszudehnen. Es gibt Wälder und eine Brücke, bei der nicht klar ist, ob sie sich über einen Fluss oder ein Meer spannt. Im Wald treibt ein schrulliger „Hosenzieher“ sein Unwesen. Wer nicht aufpasst, dem zieht er die Hosen herunter. Und das ist nicht der einzige skurrile Sidekick. Allerlei seltsame Tiere fühlen sich von der Fabrik angezogen und scheinen nur hier zu leben. Ungewöhnlich große Nutrias tummeln sich in den Abwasserrohren. Und da sind auch noch die rätselhaften Vögel. Sie ähneln Kormoranen, sind pechschwarz und bevölkern als Art stumme Mahner die Brüstungen und Geländer der Fabrik.
„Aus den Augenwinkeln meinte ich zu sehen, wie eine kleine Frau aus der Druckerei einen schwarzen Vogel mit langem Hals an seinen ausgebreiteten Flügeln in den Händen hielt, doch als ich genauer hinsah, war es eine Toner-Kassette für einen der Drucker.“
So viel sei zum Romanende verraten: Die Vögel spielen eine zentrale Rolle beim finalen Grusel, den Oyamada in ihren typischen Mikrodosen verabreicht. Die letzte Seite bietet dann noch einen echten Kafka-Moment. Aber bitte nicht vorblättern, der Leseweg dahin bringt den Aha-Effekt!
Text: Annett Jaensch
Buchinformationen
Hiroko
Oyamada: „Die Fabrik“
Rowohlt Verlag
Erscheinungstermin: 27. Januar 2026
ISBN: 978-3-498-00794-2
