Das Kollektiv „Raum+Zeit“ zeigt „Berlau :: Königreich der Geister“
„Du siehst aus wie Einsamkeit!“ Die Lippen, die diesen Satz sprechen, sind ganz nah. So nah, dass ich fast den Atem auf meiner Wange spüren kann. Die Augen blicken traurig, eine Spur Spott schwingt mit. Wer würde sich in dieser Situation nicht wie auf einer emotionalen Achterbahnfahrt fühlen? Wir sind inmitten einer Szene von „Berlau :: Königreich der Geister“. Mir gegenüber steht die Schauspielerin Pia Dembinski in der Rolle von Ruth Berlau. Und ich? Wer bin ich? Das muss ich im Laufe dieses Theater-Parcours, der aus Live- und VR-Szenen besteht, immer wieder neu herausfinden.
Ausgedacht hat sich dieses Setting das Kollektiv „Raum+Zeit“ und dafür tief aus dem biografischen Kosmos von Bertolt Brecht und seiner Weggefährtin Ruth Berlau geschöpft. Der Lebensweg der Dänin ist prall gefüllt mit bewegten Kapiteln: 1906 geboren entdeckt sie früh die Liebe zum Theater und spielt erste Stücke am Königlichen Theater in Kopenhagen. Freiheitsliebend, unkonventionell und vor allem links ist die junge Frau. Sie fährt mit dem Fahrrad nach Paris und Moskau und schreibt darüber Reportagen. Reist als überzeugte Kommunistin in den Spanischen Bürgerkrieg. Bringt sich das Fotografieren bei. Gründet das erste Arbeitertheater Dänemarks. Die „Rote Ruth“ lernt 1933 Bertolt Brecht kennen und folgt ihm ins amerikanische Exil. Bekommt mit ihm einen Sohn, Michel, der kurz nach der Geburt stirbt. Der Verlust stürzt sie in eine tiefe seelische Krise. Aufenthalte in psychiatrischer Behandlung folgen.
Nach dem Krieg zurück in Berlin gehört sie neben Brecht zu den Mitgründern des Berliner Ensembles. Entwickelt die Modellbücher, die seine Inszenierungen dokumentieren und von großem Wert für sein späteres künstlerisches Erbe sind. Berlau sei Brecht verfallen gewesen, heißt es in ihren Biografien. Fakt ist, dass Brecht, der vergötterte Theatermann, ein Netz aus wechselnden Liebschaften pflegte, das ihm auch künstlerisch nutzte. Nicht nur Ruth Berlau erfuhr, wie sich das erkaltete Interesse von Brecht anfühlte. Auch Margarete Steffin und Elisabeth Hauptmann gehörten zu den Frauen, die ihm kreativ zuarbeiteten, aber „unsichtbar“ blieben.
Ruth Berlau: In Bertolt Brechts „Buch der Wendungen“ als literarische Figur Lai-tu verewigt
(Biografie von Hans Bunge, Eulenspiegel Verlag 2023)
1956 stirbt Brecht und Ruth Berlau erhält von Helene Weigel umgehend Hausverbot am Berliner Ensemble. Hans Bunge, ehemaliger BE-Regie-Assistent, schildert in seinem Buch „Brechts Lai-tu“ die letzten Lebensjahre von Berlau so: „Das Schlimmste war, dass sich auch die jungen Freunde, Schriftsteller und Theaterleute, von ihr abwandten, Leute, für die Ruth Berlau eine wunderbare Ratgeberin gewesen war, eine Vertraute auch in privaten Belangen und eine Helferin, die sich jederzeit bereitwillig ausbeuten ließ. Ruth Berlau hat die letzte Zeit ihres Lebens einsam verbracht, verlassen, ja gemieden von denen, die ihr hätten dankbar sein müssen.“ Ruth Berlau stirbt am 16. Januar 1974 in der Berliner Charité, erstickt in ihrem Zimmer, verursacht durch einen Zigarettenbrand.
Wohin auf diesem Zeitstrahl katapultiert uns nun das immersive Stück „Berlau :: Königreich der Geister“? Ziemlich genau zum Abend des 7. Oktober 1954, gleich beginnt die Premiere von „Der kaukasische Kreidekreis“ im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Diese Info dringt einem im allerersten Raum ins Ohr. Es ist eine winzige Kabine, wie eine Transitzone ins Ungewisse. „Du kennst jedes Wort. Es ist von dir“, gibt die Stimme aus dem Off mit auf den Weg. Alle Performance-Gäste durchlaufen den Parcours allein, geführt von VR-Guides. Kaum hat man sich virtuell in einem der roten Samtsitze des Berliner Ensembles niedergelassen, monologisiert Brecht von der Bühne herab. Irgendwann zerfällt die Figur wie ein Glitch in einem Computerspiel, um sich Sekunden später von einem der Sitzbalkone herabzuschwingen. Wendet man den Blick in eine andere Richtung, entdeckt man einen Jungen neben sich. Kalkweiß geschminkt mit schwarz geränderten Augen, wie einer Traumsequenz entsprungen. Nicht umsonst heißt es „Königreich der Geister“.
„Berlau :: Königreich der Geister“: eine hybrid-immersive Theatererfahrung, Foto: Matthias Horn
Die Geister der Vergangenheit lauern auch im nächsten Raum. Ich darf die VR-Brille abnehmen. Ab jetzt ist alles unmittelbar und real. „Du Drecksack“ ist das Erste, was ich höre. Susanne Wolff verkörpert hier Ruth Berlau in ihren Dreißigern, die gerade ein Kind verloren hat. Gebeugt über ein Waschbecken sitzt sie in einer Ecke der kargen Zelle. Ich begreife: Ich bin Brecht und stehe einer tief verletzten Frau gegenüber. Er soll zwar die Urne für den toten Sohn bezahlt haben, aber ansonsten distanziert mit dem Verlust umgegangen sein. Was mir entgegenbrandet, ist eine Mischung aus Wut, Trauer und immer noch vorhandener Liebe. Ich weiß, ich bin Anspielpartnerin für die Schauspielerin, ich kann, aber ich muss nicht reagieren. Ungerührt zu bleiben ist schwer bis unmöglich in diesem intensiven One-to-One. An einer Stelle fordert Susanne Wolff einen Liebesbeweis von Brecht, von mir. Ich schicke gestisch-mimisch eine Antwort, ein „Ich glaub dir nicht”, kommt prompt zurück. Willkommen in der Ad-hoc-Welt des Theaterspielens.
Susanne Wolff in der Rolle der Ruth Berlau, Foto: Matthias Horn
Überhaupt sind die Rollen und Perspektiven, in denen man sich während des Parcours wiederfindet, eine einzige Blackbox. Was wartet in der nächsten Kammer – mit Bett, Stuhl, Spiegel, Waschbecken an ein spartanisches Krankenhauszimmer erinnernd – auf mich? Bin ich Brecht? Bin ich Berlau? Oder bin ich eine Erinnerung, mit der ein Zwiegespräch geführt wird? Mit dieser fluiden Form schaffen die Macher:innen von „Raum+Zeit“ einen Rahmen, um den herum sie die Zersplitterung des Ichs auf faszinierende Art und Weise inszenieren. Jede der drei mit Verve spielenden Schauspielerinnen fügt etwas zu diesem Mosaik hinzu. Pia Dembinski, die die junge Ruth verkörpert, vibriert geradezu vor flirrender Energie, lässt erahnen, welche Lebenslust in der zwanzigjährigen Dänin gesteckt haben muss.
Virtuelle Begegnungen mit Brecht © Raum+Zeit
Bevor ich Ruth Berlau in ihrer letzten Lebensphase begegne, schiebt sich noch eine andere Klimax vor die Linsen meiner VR-Brille: „Der Kaukasische Kreidekreis“ und sein Premierenabend. Ich finde mich in der Mitte der Bühne des Berliner Ensembles wieder, die Brecht-Figur zieht mit Kreide einen Kreis um mich herum. Er umgarnt, provoziert, trumpft auf – alles, was man mit einem Regie-Alphatier verbindet – bricht in dieser Performance durch. „Schwächen. Du hattest keine. Ich hatte eine: Ich liebte“, schrieb Ruth Berlau einmal an Bertolt Brecht. Wenn man die grandiose Esther Hausmann am Ende des Parcours leibhaftig erlebt, dann ahnt man, wie viel Schmerz in einer Lebensbilanz stecken kann.
Das Theaterkollektiv „Raum+Zeit“ um Alexandra Althoff, Male Günther, Lothar Kittstein und Bernhard Mikeska erhielt 2022 für „Berlau :: Königreich der Geister“ den Friedrich-Luft-Preis als beste Berliner Inszenierung. Im April 2026 war sie nun – auch dank einer Crowdfunding-Kampagne – als Wiederaufnahme in den Uferstudios zu sehen. Ein großer Gewinn, denn dieses Mixed-Reality-Projekt schafft eine außergewöhnliche Theatererfahrung. Eine, die direkt ins Herz und in die Magengrube fährt und noch lange nachhallt.
Text: Annett Jaensch
