Wie ich in Norwegen nach einem Schlauchboot suchte und das Utepils fand
Mütze, Handschuhe und Regenkleidung mit einer Wassersäule von 10.000 mm für den Sommerurlaub im Gepäck? Richtig, es geht nach Norwegen! Angekommen in der Hardcore-Fangemeinde dieses nordischen Landes kann man sich fühlen, wenn einem ein zünftiger einwöchiger Dauerregen bei 9 °C nichts mehr ausmacht. Ich gebe zu, an dem Punkt bin ich noch nicht. Aber mein Erlebnisfokus auf dieser Reise war auch ein anderer. Vor zwei Jahren veröffentlichte ich hier auf dieser kleinen Plattform schon mal einen literarischen Reisebericht. Die Idee, nicht einfach nur einen norwegischen Roman während des Urlaubs zu lesen, sondern auch darüber zu schreiben, hat mir damals einen anderen Blick auf Land und Leute beschert. Das wollte ich unbedingt wiederholen. Dass ich dieses Mal etwas über nepalesische Sherpas, lorenzinische Ampullen und die Frage, was Bob Dylan mit dem Erzengel Michael zu tun hat, lernen würde, gehörte zum Überraschungspaket dieser Reise. Aber das ist das Schöne an Reisen, man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke wartet.
Das Buch vom Meer im Gepäck
Welches Buch steckte dieses Mal im Koffer? Vor zwei Jahren hatte Jon Fosse, der Mystiker unter den norwegischen Literaten, mich zusammen mit dem Protagonisten des existenzialistisch gefärbten Romans „Das Leuchten“ in einen rätselhaften Wald geschickt. Dieses Mal wollte ich thematisch in eine andere Richtung. Ans Meer! So fiel die Wahl auf „Havboka“, was übersetzt so viel heißt wie „Das Buch vom Meer“. Der Untertitel liefert netterweise die Zusammenfassung der rund 350 Seiten gleich mit: „Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen und dafür ein ganzes Jahr brauchen“. Was hier so schön mäandert und nach einer Geschichte aus dem Reich der maritimen Phantasie klingt, ist alles andere als erfunden. Der Autor Morten A. Strøksnes hat sich tatsächlich ein Jahr lang mit seinem Künstlerfreund Hugo Aasjord auf Eishaijagd begeben:
„Dreieinhalb Milliarden Jahre sollten vergehen von der Entwicklung ersten primitiven Lebens im Meer bis zu Hugo Aasjords Anruf, der mich an einem späten Samstagabend im Juli, während eines
lebhaften Abendessens im Zentrum von Oslo, erreichte.
Hast du die Wettervorhersage für nächste Woche gesehen?, fragte er.
Wir warteten schon lange auf eine bestimmte Wetterlage. Was wir brauchten, war möglichst wenig Wind im Gebiet zwischen Bodø und den Lofoten, genauer gesagt im Vestfjord. Und wer im Vestfjord auf
Windstille wartet, sollte Geduld mitbringen.“
Trondheim: farbenfrohe Stadt auf dem 63. Breitengrad
Auf nach Trondheim
Da wären wir beim ersten Schönheitsfehler meines Reiseberichts. Um wie Morten und Hugo in der Nähe der Lofoten zu sein, hätten wir locker noch mal 700 km weiter in den Norden reisen müssen. Weil
aber für noch mehr Hightech-Thermoklamotten kein Platz im Gepäck war, fiel die Wahl auf Mittel-Norwegen oder Midt-Norge, wie es hier heißt. Und so beginnt die Seite eins unserer Reise in
Trondheim, der drittgrößten Stadt des Landes. Aber Größe ist in einem Land, das nur von rund 5,66 Mio. Menschen bewohnt wird, relativ. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Bevölkerungsdichte
bei rund 230 Einwohnern pro km², in Norwegen sind es gerade mal 15. Wer Entschleunigung sucht, ist hier auf jeden Fall richtig.
Ob die Wikinger wohl auch schon von einer ausgeglichenen Work-Life-Balance träumten? Im heutigen Trondheim ist einer ihrer Anführer, der Heilige Olav, jedenfalls immer noch sehr präsent. Óláfr Haraldsson (995 bis 1030) legte eine beachtliche Karriere hin: Vom jugendlichen Plünderer brachte er es zum Rex Perpetuus Norvegiae, zum „Ewigen König von Norwegen“. Er christianisierte Norwegen und fiel in der Schlacht von Stiklestad. Um sein Grab herum wurde eine Kirche gebaut, die später Rekorde aufstellen sollte. Kein anderes gotisches Großbauwerk steht näher am Polarkreis als der Nidarosdom.
Bob Dylon in luftiger Höhe
Als wir den imposanten Kasten besuchen, ist eine Seite eingerüstet: Am Kongeinngangen (Königstor) wird gerade gewerkelt. Die spezielle Aura, die dem Dom nachgesagt wird, entfaltet sich trotzdem.
Besonders die Westfassade ist ein echter Hingucker: 76 große Statuen blicken milde auf die wimmelnden Touri-Gruppen herab. Anders als die Patina vermuten lässt, sind aber die meisten Figuren
dieser „steinernen Bibel“ jüngeren Datums. Der Zahn der Zeit, Brände und Plünderungen setzten dem Dom über Jahrhunderte immer wieder so zu, dass Renovierungen so normal wurden wie die Messe am
Sonntag.
Zwischen 1905 und 1983 wurde in einem Mammutprojekt speziell die Westfassade neu gestaltet. Und so hat sich auch Bob Dylon nach Trondheim verirrt. Weil der Bildhauer Kristofer Leirdal überzeugter Pazifist war und gegen den Vietnamkrieg protestieren wollte, verpasste er 1965 kurzerhand dem Erzengel Michael die Gesichtszüge der damaligen Anti-Kriegs-Ikone. Die Figur steht allerdings in der luftigen Höhe von 40 Metern. So richtig aufgefallen ist der stille Protest des Künstlers erst rund zwanzig Jahre später, als die Teleobjektive besser wurden. „Honoured by the likeness“ soll Bob Dylon dazu gesagt haben, so ließ er es zumindest über seine Agentur ausrichten.
Nidarosdom: Der Erzengel Michael mit dem Gesicht Bob Dylons steht ganz oben auf dem linken Turm
Der Eishai, das Phantom
Nach so viel unerwartetem popkulturellem Wissenszuwachs zieht es uns nun weiter. Nach Kristiansund, auch die Klippfisch-Hauptstadt des Landes genannt. Höchste Zeit, könnte man sagen, denn ich will mich ja mit dem „Buch vom Meer“ auseinandersetzen. Zugegebenermaßen hatte ich bereits in Berlin mit der Lektüre angefangen. 350 Seiten im Urlaub wegzulesen wären dann doch ein ambitioniertes Projekt. Zwei zentrale Fragen stellten sich mir schon auf den allerersten Seiten: Warum will ein Männer-Duo einen Eishai fangen und warum ausgerechnet von einem Schlauchboot aus?
„Koste es, was es wolle, wir würden ein solches gefräßiges Monster fangen, das viele Hundert Millionen Jahre Evolution auf dem Buckel hat, potenziell tödliche Giftstoffe im Blut, Parasiten in den Augen und Zähne wie an einem überdimensionierten Fangeisen, nur wesentlich mehr.”
Der Maler Hugo Aasjord ist derjenige, dessen Familiengeschichte eng mit dem Fischfang verbunden ist. Er selbst hat schon so ziemlich alles, was schwimmt, angelnd oder fischend aus dem Meer
geholt. Nur eben einen Eishai noch nicht. Kein Wunder, denn das Tier ist eigentlich ein Phantom. Es lebt in der Tiefe arktischer Gewässer (deshalb auch Grönlandhai genannt) und führt ein Leben in
Zeitlupe. Eishaie pflanzen sich erst ab dem zarten Alter von 150 Jahren fort, einzelne Exemplare können bis 400 Jahre alt werden. Dank der gelgefüllten Kanäle am Kopf, auch Lorenzinische Ampullen
genannt, ist der Eishai elektrosensorisch unterwegs. Er kann damit problemlos in der Dämmerzone, in der er lebt, auf Beutefang gehen. Oder sich von einem Köder anlocken lassen, der aus einem
Schlauchboot hängt, mit dem zwei Norweger ausgezogen waren… Aber das hatten wir ja schon.
Ein Grönlandhai schwimmt seines Weges: auch diesem Exemplar hängt der Parasit Ommatokoita elongata aus einem Auge
(Quelle: Hemming1952, Lizenz CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons, keine Änderungen)
Die maritime Zeitkapsel „Mellemværftet“
Apropos Schlauchboot. Morten und Hugo fahren natürlich nicht mit einem stinknormalen Dinghy raus. Nein, ein RIB – ein Rigid Inflatable Boat – ist ihr fahrbarer Untersatz. Bei einem Hafenspaziergang in Kristiansund habe ich nach solchen Exemplaren Ausschau gehalten, vergebens. Dafür aber die „Mellemværftet“ entdeckt, Schifffahrtsmuseum und historische Werft in einem. Drei Werftarbeiter machen gerade Frühstückspause in der Sonne, als wir das etwas versteckt liegende Gelände betreten. Was auf den ersten Blick ein wenig nach Schrottplatz aussieht, ist bei genauerem Hinsehen eine maritime Zeitkapsel. Auf der Helling – eine Art Rampe, mit der Schiffe an Land gezogen werden können – liegt die 20 Meter lange „Framstig“, ein altes Segelboot, dem man ansieht, das es viele Geschichten zu erzählen hat.
Einer der Werftarbeiter stopft hochkonzentriert kleine Holzpfropfen in den löchrigen Bug: Schiffsrestauration scheint eine fummelige Angelegenheit zu sein. So beschäftigt wie er ist, lassen wir ihn mit Fragen in Ruhe, denn Infos über das Boot findet man auch online. 1914 gebaut war sie zunächst Frachtschiff und Fähre, später Fischtransporter und sogar Eisbrecher. Während des Zweiten Weltkriegs, als deutsche Bomben auf Åndalsnes fielen, war die „Framstig“ das letzte Schiff, das den Hafen verließ. In den 1970er Jahren drohte sie zu verrotten, bis ein paar Enthusiasten sie entdeckten und wieder aufmöbelten. Inzwischen steht eine dreijährige Weltumsegelung in ihrem Bordbuch. Was für ein Schiff!
Hat eine bewegte Geschichte inklusive Weltumsegelung auf dem Buckel: die Framstig
Atlantik oder Baggersee in Brandenburg?
Überhaupt hält die Küstenlinie entlang der Region Hustadvika diverse Attraktionen für Meeresliebhaber bereit. An allererster Stelle steht natürlich „Atlanterhavsveien“, die berühmte Atlantikstraße. Über die schräg geschwungene Storseisundet-Brücke – aus bestimmten Perspektiven wirkt es so, als würde sie im Nichts enden – cruiste schon Daniel Craig alias James Bond in „No time to die“. In den 1980ern war der Bau der 8,6 Kilometer langen Straße, die kleine Inseln und Schären miteinander verbindet, ein norwegisches Prestige-Projekt. Was allein schon mit der speziellen Lage zu tun hat. Die Region gilt als eine der gefährlichsten Küstenpassagen Norwegens. Zwölf schweren Atlantikstürmen musste die Baustelle damals trotzen.
An dem Tag, als wir Landratten zu Besuch kommen, ist von der Wucht des Meeres rein gar nichts zu spüren. So ruhig wie ein Baggersee in Brandenburg liegt der Atlantik da. Auch nicht schlecht, nichts fliegt einem weg und man kann in Ruhe Details genießen. Zum Beispiel den markanten, fast metallischen Meeresgeruch, den man an südlicheren Küsten so nicht findet. Tatsächlich vermengen sich hier im Norden besonders viele Zutaten in der Luft: Biologische Schwefelverbindungen, vor allem Dimethylsulfid aus Phytoplankton und Algen, Salz-Aerosole und Spuren von Methyljodid. Ich habe ja den Verdacht, dass der Geruch von Seefahrer-Bärten auch noch eine Rolle spielen könnte. Gibt es dazu schon wissenschaftliche Erhebungen?
Wer schon alles über die Storseisundet-Brücke fuhr: James Bond und jetzt auch wir!
Von Leuchttürmen und Bibliotheken
Auch ein paar Kilometer weiter machen die Wellen heute Pause. Der Felsen, auf dem der schneeweiße Leuchtturm „Hestskjær fyr“ steht, wirkt wie hingetupft inmitten der im Sonnenlicht glitzernden See. Kaum zu glauben, was die Infotafel verrät: In einem Winter Anfang der 1930er Jahre war die See fünf Wochen lang so aufgewühlt, dass kein Boot den einen Kilometer vom Festland zurücklegen konnte und die Vorräte im Leuchtturm zur Neige gingen.
„Das Buch vom Meer“ hat ebenfalls Leuchtturm-Trivia zu bieten. In Norwegen gab es einen speziellen Bibliotheksdienst: den „bibliotektjeneste for fyr”. Leuchtturmwärter wurden mit frischem Lesestoff versorgt, damit sie zumindest Lektüre hatten und die monatelange Isolation sie nicht in den Wahnsinn trieb. In den 1990er Jahren wurde der Dienst eingestellt, weil Leuchttürme zunehmend automatisiert und ferngesteuert arbeiteten.
Hestskjær fyr: Der weiße Kasten leuchtet Seefahrern seit 1879 heim, inzwischen läuft der Betrieb vollautomatisiert
3292 nepalesische Treppenstufen
An unserem letzten Tag am Meer wollen wir es noch einmal in ganzer Pracht sehen. Das geht am besten von: oben! Schnell ist der Plan geschmiedet, auf die Insel Otrøya zu fahren. Dort soll es mehrere Berge geben, die man per Treppe erklimmen kann. Vor Ort entpuppt sich „die Midsundtrappene“ als spannendes, kontinentübergreifendes Projekt, das auch noch ein Vorzeigebeispiel für nachhaltigen Bergtourismus ist. Alles begann im Jahr 2016. Kolbjørn Ove Stølen, eigentlich Flugzeugtechniker, hatte die Idee, die Berge seiner Insel sicherer und zugänglicher zu machen. Und sie dabei nach Möglichkeit auch vor Erosion, die herkömmliche Wanderwege mit sich bringen, zu schützen.
Die geniale Lösung: Treppen, wie nepalesische Sherpas sie bauen. Der Rest ist Geschichte. Ein Team von erfahrenen Handwerkern aus Nepal wurde eingeladen. Zusammen mit lokalen Helfern verbauten sie die von Helikoptern herangeschafften, zum Teil zentnerschweren Steinstufen zu absolut trittfesten Wegen nach oben. Geschätzte 60.000 Treppensteiger pro Jahr wollen auf den Rørsethornet, wir sind an diesem Tag zwei davon. Die blanke Statistik (3292 Stufen, 30-40 % Steigung, 660 Meter Höhenmeter) verblasst rasend schnell, wenn man oben angekommen ist: Der Blick aufs Meer ist einfach gigantisch!
Der Rørsethornet: sicherer Aufstieg dank trittfester Sherpa-Treppe
Oh Schreck, ein altnordischer Untoter
Nach diesem Bergintermezzo verabschieden wir uns vom Meer und fahren wieder ins Landesinnere. Beim Übersetzen mit der Fähre von Molde nach Vestnes stehen die Zeichen auf Wetterwechsel. Dunkle Wolken türmen sich am Himmel, Wellen schlagen gegen den Bootsrumpf, als wir ablegen Stand nicht im Buch, dass bei aufziehendem Schlechtwetter der Draug, der Wiedergänger eines ertrunkenen Fischers, sein Unwesen treibt. Wenn er erscheint, kündigt sich jede Sorte von Ungemach an:
„Er hatte rote, leblose Augen und trug einen altmodischen Südwester aus Leder. Sein Kopf bestand aus einem Klumpen Tang. Ein weiteres Merkmal waren seine ungewöhnlich langen Arme. Gern fuhr er in seinem halben Boot mit den zerrissenen Segeln neben den Schiffen der Menschen her. Schrie und jammerte er, durfte man auf keinen Fall antworten.“
Könnte sich ein altnordischer Untoter für die „Fjord 1“ interessieren? Hat er vielleicht umgeschult auf Touristenschreck? Wir erreichen nach einer halben Stunde Fahrt sicher das andere Ufer. Das
schlechte Wetter aber wird uns bis zum Ende unserer Reise begleiten. Draug sei dank!
Dunkle Wolken über der „Fjord 1“: Lauert ihr etwa irgendwo der Draug?
Im Land der Trolle
Aber vielleicht haben auch die Trolle beim Schlechtwettertrend ihre klobigen Steinhände im Spiel. Wir sind jetzt in „Møre og Romsdal“ – Troll-Country! Trolle mögen keine Sonne. Werden sie von
Sonnenstrahlen überrascht, versteinern die mythologischen Naturwesen auf der Stelle. Das hält sie aber nicht davon ab, tonnenweise als Touri-Nepp in Souvenirläden herumzustehen. In der Hitliste
der hässlichsten Mitbringsel rangieren die Zottelfiguren ganz weit oben.
Im Alltag der meisten Norweger und Norwegerinnen dürften die Fabelwesen keine große Rolle mehr spielen, als kulturelles Hintergrundrauschen sind sie aber noch präsent. Das merkt man daran, dass
ein Satz wie „I gamle dager, da trollene gikk i fjellet…“ (In alten Zeiten, als die Trolle noch in den Bergen umherstreiften...“) in etwa den gleichen Wiedererkennungswert hat wie „Es war
einmal…“ bei uns. Wenn die Trolle aufdrehen, dann mit Sicherheit an einem Ort, der nach ihnen benannt ist. Nichts wie auf nach Trollvegen!
Ein Troll schaut auf seinem Berg nach dem Rechten: Kennt er vielleicht den Eishai?
Norwegische Vokabel gelernt: Drittvær!
1100 Meter reine vertikale Höhe: Die Trollwand hält damit den Rekord in Europa. Auf Infotafeln lesen wir, dass man für das Durchsteigen von Trollvegen maximales alpines Know-how braucht, wir
sortieren uns in der Hinsicht beim maximalen Minimum ein und belassen es beim Betrachten der gigantischen Steinmauer. Die nicht, wie man meinen könnte, aus Granit, sondern aus Gneis besteht, was
sie brüchiger und poröser macht. Unser Freund, der Draug, hat mittlerweile vollends ernst gemacht mit seinem Wetterfluch. Nebel, Windböen, plötzliche Schneehauben auf den Bergen, und das in
schnellem Wechsel. Aber vor allem Regen, Regen, Regen. Hatte Trygve, unser Hüttenvermieter, uns nicht gerade noch erzählt, dass Norwegen in den letzten Jahren ein Wassermangelproblem entwickelt
hat? Das wird jetzt gefühlt innerhalb einer Woche ausgeglichen.
Lernpsychologisch hat die Situation aber durchaus Vorteile: drittvær, das norwegische Wort für Scheißwetter verankert sich gerade für immer in meinem aktiven Wortschatz. Verschweigen will ich
nicht, dass wir die berühmten gezackten Gipfel – die Trolltindene, selbstredend versteinerte Trolle – dann doch irgendwann für einen kurzen Moment im Sonnenlicht gesehen haben. Für Base-Jumper
waren diese Gratkanten lange ein Kultort, nach mehreren tödlichen Unfällen wurde dieser Extremsport 1986 dort verboten. Und noch ein anderes Sportevent sorgte bei uns für ungläubiges Staunen: Der
Schweizer Profi-Extremsportler Bernhard Witz spannte im Jahr 2011 mit einer Handvoll anderer Cracks eine Slackline zwischen den Bergzacken auf. Bestimmt haben sogar die Trolle den Atem
angehalten!
Die Trollwand: Laut Legende sind die Zacken Trolle einer Hochzeitsgesellschaft, die die Zeit vergaßen und bei Sonnenaufgang zu Stein erstarrten
Und wo ist nun der Eishai?
Nach zwei Wochen geht unsere Reise durch Mittelnorwegen langsam zu Ende. Aber was ist eigentlich mit dem Team „Eishai“ passiert? Morten und Hugo sind bestimmt nicht traurig, wenn ich mich
gedanklich kurz mal von ihren Abenteuern abgewendet habe. Sie sind ja auch beschäftigt mit dem Warten auf ihre Urzeitkreatur (So viel sei verraten, es wird am Ende des Buches einen Showdown
geben, aber anders als erwartet). „Havboka“ wurde auch deshalb in Norwegen zum Bestseller, weil Morten A. Strøksnes mit seinen Einlassungen zu Geologie, Meereskunde, Philosophie und noch vielem
mehr seinen Landsleuten die Schönheit und Fragilität des Meeres, das vor ihrer Haustür liegt, eindringlich näher gebracht hat.
Kritische Einsichten zur norwegischen Land- und Fischwirtschaft inklusive. Die omnipräsenten Aquakulturen sieht man dann auch als Tourist mit anderen Augen, wenn laut Buch die Betreiber so viel
Gift in die Fjorde kippen, wie sie wollen und ihren Lachs trotzdem als Biofisch verkaufen. „Havboka“ hilft auf jeden Fall, den Natur- und Artenschutzblick zu schärfen.
Aus der Kategorie Reise-Zufallsbekanntschaften: ein Gummiboot in Weiß (leider nicht in Knallrot)
Gummiboot, ahoi
Eines Eishais wurde ich in unserer Zeit in Norwegen nicht ansichtig, aber das ist auch nur wenigen Menschen auf diesem Planeten jemals vergönnt. Ein hochseetaugliches RIB, wie Hugo und Morten es benutzt haben, konnte ich ebenfalls nicht entdecken. Ein normales Schlauchboot aufzuspüren hingegen ist kein Hexenwerk. Gummibåt heißt es übrigens in der Übersetzung, womit wir bei den zahlreichen Sprachähnlichkeiten zwischen Deutsch und Norwegisch wären. Es macht Spaß, den Norwegern und Norwegerinnen beim Gebrauch ihrer melodischen Sprache zuzuhören, es klingt immer so, als würden sie lustige Betonungsgirlanden in ihren Sätzen aufhängen. Wenn man eine Weile hiesigen Radiosendungen lauscht, freut man sich, Wörter herauszufischen wie „klartekst“, blikkfang“ oder „standpunkt“.
Ein Utepils, ein Draußenbier, genießt man outdoor, wenn es endlich wieder warm genug ist (In Hjerkinn hatte es nur 10 Grad, aber egal...)
Und zum Schluss: ein Utepils!
Hier kommt zum Abschluss noch die Top 3 meiner norwegischen Lieblingswörter: Da wäre zum einen die „badebuksa“, textilgewordene Sprachpoesie für den kernigen Sprung ins eiskalte Fjordwasser.
„Sakte Fart“ wiederum dürfte englische Muttersprachler hochgradig amüsieren. Man liest es am Straßenrand oder in Häfen und ist nicht mehr als die harmlose Aufforderung, bitte langsamer zu fahren.
Das saisonale Highlight aber, auch weil es in unsere Reisezeit fiel, ist das „Utepils“. Was soviel heißt wie „Draußenbier“, aber noch viel mehr ausdrückt, nämlich das Glücksgefühl nach dem langen
Winter endlich wieder in der Sonne mit Freunden ein Bier zu genießen.
In diesem Sinne: Ein Prost auf den Eishai und danke, Norwegen, für zwei tolle Wochen!
Text: Annett Jaensch
Fotos: Michael Boomers
Buchinformation:
Morten A. Strøksnes: Das
Buch vom Meer
oder wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen,
um im Nordmeer einen Eishai zu fangen,
und dafür ein ganzes Jahr brauchen
Penguin TB Verlag, 2018
ISBN: 9783328102250
